Menschliche Kultur: Evolutionsstrategie egoistischer Gene? - Zur Kritik der Soziobiologie

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Referent:
Dr. habil. Hansjörg Hemminger, Verhaltensbiologie, Stuttgart
Ort:
Chemiegebäude Takustr. 3, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 2000-02-09 18:15 - 20:00 Uhr

Den Weg zur heutigen Kontroverse um die genetischen Ursachen menschlichen Verhaltens markieren zwei populäre Bücher:

"Das sogenannte Böse. Eine Naturgeschichte der Aggression" von Konrad Lorenz erschien 1963 und erhob auf der Grundlage der klassischen Verhaltensforschung (Konrad Lorenz, Niko Tinbergen u.a.) den Anspruch, Erklärungen für viele menschliche Verhaltensweisen bereitzustellen, deren Behandlung bisher Sache der Psychologie, Soziologie und Philosophie gewesen war.

Mehr als ein Jahrzehnt später erschien "The selfish gene" ("Das egoistische Gen") von Richard Dawkins (1976). Er wollte auf der Grundlage der in den siebziger Jahren entstandenen Soziobiologie beweisen, daß das menschliche Verhalten wie alle Merkmale von Lebewesen lediglich der Fitness der genetischen Information dient, so daß der Mensch bei ihm als ein organischer Roboter erscheint, der ohne es zu wissen die Überlebens-Programme seiner Gene ausführt.

Die Soziobiologie widmet sich seither der Erforschung tierischen und menschlichen Sozialverhaltens mit den Methoden moderner Evolutionsbiologie. Das Sozialverhalten wird konsequent als ein Ergebnis der Konkurrenz genetischer Information in der natürlichen Selektion betrachtet, wobei prinzipiell jedes Verhaltensmerkmal als genetisch beeinflußt angesehen wird.

Dieser Ansatz brachte gegenüber der klassischen Verhaltensforschung einen theoretischen Fortschritt: Begriffe wie die Verwandtenselektion (kin selection) und "reziproker Altruismus", mögen sie auch schlecht gewählt sein, sowie die Einführung spieltheoretischer Überlegungen brachten die Evolutionsbiologie des Verhaltens weiter.

Auf der anderen Seite entstanden die Probleme, die auch sonst in der Wissenschaft auftreten, wenn eine neue Theorie einen zu weiten Erklärungsbereich in Anspruch nimmt. Die Vorstellung E.O. Wilsons, Psychologie, Soziologie und Philosophie ließen sich mit Hilfe der Soziobiologie auf Naturwissenschaft zurückführen, war illusorisch und hat in der Konsequenz die weitere Theorienbildung behindert. Man hätte statt eines solchen Fächer-Imperialismus vermittelnde anthropologische Ansätze benötigt, die die neuen soziobiologischen Erklärungen in die richtige Beziehung zu den Erkenntnissen der Psychologie und Soziologie sowie der philosophischen Anthropologie gebracht hätten. An dieser Vermittlungsleistung ist die Soziobiologie des Menschen in den letzten zwanzig Jahren jedoch immer wieder gescheitert. Seit Konrad Lorenz hat sich daher in Richtung einer interdisziplinären empirischen Humanwissenschaft geistig so gut wie nichts bewegt.

Wie sieht ein realistisches naturwissenschaftliches Menschenbild aus, das als Ausgangspunkt für einen solchen Entwurf dienen könnte?

Einerseits fließt in die Entwicklung der menschlichen Verhaltenssteuerung sehr wohl genetische Information mit ein, und zwar wahrscheinlich nicht weniger als bei allen übrigen Säugetieren. Auch im Sozialverhalten des Menschen gibt es genetisch vorstrukturierte Merkmale, die wir von Säugetieren kennen und bei ihnen zum Teil als brutal bewerten: die Neigung der sozialen Gruppe zur kollektiven Aggression gegen Fremde, die Feindseligkeit gegen im Aussehen oder Verhalten abweichende Gruppenmitglieder, die Tendenz zur individuellen Bindung an vertraute Artgenossen, Aggressivität gegen fremde Junge und anderes mehr.

Andererseits gehört zum Menschen aber eine aus biologischer Sicht einmalige, individuelle und kollektive Lernfähigkeit. In einer beispiellos langen Kindheits- und Jugendentwicklung baut das Gehirn die Fähigkeit auf, die Welt auf mehreren Komplexitätsebenen in Symbolen abzubilden und aus dieser "inneren Repräsentation der Welt" Anleitung zum Handeln zu gewinnen. Am deutlichsten drückt sich die Einmaligkeit dieser Art intelligenter Verhaltenssteuerung in einem untrennbar zum Menschen gehörenden Verhalten aus, der Sprache. Was gelernt wird, stammt nicht nur aus der Erfahrung des Individuums, sondern immer auch aus der in tradierte Symbole gefaßten und sprachlich überlieferten Erfahrung vieler Generationen.

Durch diese komplizierten Lernvorgänge in der menschlichen Sozialisation werden die durch genetische Information beeinflußten Elemente des Verhaltens keineswegs gelöscht. Vielmehr fließt die genetische Information über die auf ihrer Grundlage gebildete neuronale "Hard- und Software" in die Sozialisation mit ein, diese wird mit der durch Tradition und Erfahrung aufgebauten "Software" zu einem ebenso fein strukturierten wie plastischen und lernfähigen Gesamtsystem verbunden.

Der Mensch sichert im Gegensatz zum Tier sein Leben natürlicherweise durch Kulturleistungen, und in seiner Geschichte konkurrieren Kulturen und Zivilisationen miteinander, nicht genetische Informationen. Die natürliche Auslese spielt in der Regel keine erkennbare Rolle mehr in der Konkurrenz zwischen verschiedenen Verhaltensmöglichkeiten, die einem Menschen oder einer Gesellschaft offen stehen.

Im Interesse der wissenschaftlichen Redlichkeit und eines besseren Verstehens unserer eigenen Psyche kann man nur hoffen, daß die Humanbiologie menschlichen Verhaltens ihr derzeitiges Theoriedefizit überwinden wird.

Hier lassen sich nur einige Hinweise auf die dringend anstehenden Themen geben:

Inwieweit sind zum Beispiel Rassenhaß und Fremdenhaß unvermeidlich, nur weil sie unbestreitbare genetische Wurzeln haben? Folgt daraus wirklich, daß eine moderne Gesellschaft ausländerfeindlich sein muß, oder daß Menschen fremdenfeindliche Gefühle hegen müssen?

Sind die soziologischen und psychologischen Erklärungen für Ausländerhaß biologisch wertlos, oder wie sind die verschiedenen Erklärungen einander richtig zuzuordnen?

Gibt es nicht zu der genetisch vorgegebenen Tendenz, Fremdes abzulehnen, ebenso genetisch vorgegebene Gegenspiele, zum Beispiel die Neugier auf Unbekanntes oder eine Faszination der Exotik?

Entscheidet sich nicht auf der Ebene sozialen Lernens, was aus all diesen Tendenzen letztlich wird? Spielen hier nicht Werte, Normen und Vorbilder eine entscheidende Rolle?

Inwieweit sind auch positive menschliche Bindungen wie Elternliebe, Gattenliebe usw. genetisch vorprogrammiert und entziehen sich deshalb einer moralischen Bewertung? Geht die zwischenmenschliche Liebe deshalb in genetischen Programmen auf, weil es genetische Programme gibt, die sie unterstützen?

Solche Fragen müssen künftig besser als bisher beantwortet werden, wenn die Evolution menschlichen Verhaltens wirklich verstanden werden soll.


Moderation: Wilhelm Quitzow. V.i.S.d.P.: Roland Reich.
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 1999-11-27