Die Amerikanisierung der deutschen Sprache - reale Gefahr oder nationalistische Ideologie?

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Referent:
Prof. Dr. Fritz Vilmar, Politikwissenschaft, FU Berlin
Ort:
Chemiegebäude Takustr. 3, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 2002-02-13 18:15 - 20:00 Uhr

Unsere Sprache wird durch Übernahme treffender Ausdrücke aus anderen Sprachen bereichert. Solche Obernahmen sind im Zuge der Globalisierung unvermeidlich, besonders in der Wirtschaft sowie in Technik und Wissenschaft. Moderne Fachausdrucke wie Internet, Jeans, Laser oder Manager, deren Bedeutung weltweit festliegt, dienen der internationalen Verständigung und sollten nicht durch neue Wortbildungen der Landessprachen ersetzt werden.

Anders ist das bei solchen Ausdrücken, für die ein ebenso treffendes Wort in der deutschen Sprache existiert, wie z.B. für bodyguard (Leibwächter), call center (Anrufzentrale), event (Ereignis), on tour (unterwegs), user (Benutzer). Viele der Tonangebenden in der Wirtschafts- und Konsumgesellschaft oder in der Spaßgesellschaft, aber auch im Wissenschafts- und Technologiebereich finden es mehr und mehr "up to date", uns eine Mischung aus Deutsch und Amerikanisch vorzureden, spöttisch "Denglisch" genannt. Nach einer EU-Umfrage können sich aber nur 51 % der Bundesbürger englisch verständigen, in Ostdeutschland sogar nur 26%.

In Sport-Sendungen kommen sich die Reporter zunehmend "cool" vor, wenn sie nurmehr angloamerikanische Ausdrücke für die Sportarten verwenden. Dabei meint der Ausdruck "cool" (kühl) wohl eine gewisse Kälte der Gefühle. Allerdings würde der Ausdruck "gefühlskalt" nicht das Bild treffen, das der betr. Reporter von sich selbst hat: Er gehört ja zur "Elite" und ist stolz darauf, dass er "cool" ist und keine Rücksicht darauf nimmt, wenn ältere Menschen und solche ohne ausreichende Kenntnis der englischen Sprache ihn nicht verstehen. - Nach Artikel 3 unseres Grundgesetzes darf aber niemand wegen seiner Sprache gesellschaftlich benachteiligt werden!

Wie dieses "Eliten"-Deutsch klingt, führte vor einiger Zeit im Fernsehen der Vorstandsvormann der Deutschen Bank, Breuer, vor: "Sobald wir das logo von den Aufsichtsräten bekommen haben, werden die businesse (Bisinisse!) zusammengebracht, dann wird ein gemeinsamer business-plan entwickelt, ein jobprofile (sprich Profeil) verabschiedet, und dann wird entschieden: wer macht den Job". Alles klar?

Vielleicht sollte man einmal darüber nachdenken, ob es Werte in unserer Kultur gibt, z.B. in deutscher Sprache verfasste Dichtung, Vokalmusik (Volkslieder) und Wissenschaft (Philosophie, Recht, Geschichte), die durch fortschreitende Amerikanisierung unserer Sprache unwiederbringlich zerstört würden? Gibt es nützliche und liebenswerte, aber bedrohte Eigenschaften der deutschen Sprache (wie etwa die eindeutige Entsprechung von Schreibweise und Aussprache, die die Zuhilfenahme einer Lautschrift überflüssig macht)?

Trägt die gemeinsame, geschichtlich gewachsene Muttersprache zur Selbstfindung und zur Erhaltung eines Gemeinschaftsgefühls bei? Wäre die Erhaltung eines "Nationalgefühls" auch für uns Deutsche (trotz der beschämenden Nazi-Verbrechen) möglich und wünschenswert? Oder wäre es für die Erhaltung des Weltfriedens besser, wenn unsere historische Identität nicht mehr an kommende Generationen weitervermittelt würde?

Wenn wir zu dem Ergebnis kommen, dass die Erhaltung der europäischen Sprachenvielfalt zugleich der Erhaltung von Demokratie, soziaIer Gerechtigkeit und Frieden dient, was könnte man zur Erhaltung der deutschen Sprache tun?

Das erste Problem ist die Überwindung gedankenloser Fehlinformationen, mit denen viele Verantwortliche die deutsche Sprachmisere vom Tisch wischen. Kein Geringerer als unser Kulturminister begibt sich auf Stammtischniveau, wenn er populistisch gegen die Idee eines Sprachschutzgesetzes loslegt: "Wir brauchen keine Sprachpolizei". Nida-Rümelin müsste aber wissen, dass die Befürworter eines (gesetzlichen) Sprachschutzes keine Polizeimaßnahmen im Sinn haben.

Eine andere unzutreffende Unterstellung ist, die Sprachschützer betrieben "deutschtümelnden Purismus", indem sie etwa die Worte "Nase" durch "Gesichtserker" und "Demokratie" durch "Volksherrschaft" ersetzen wollten. - Ebenso stammtischflach ist die Unterstellung, die Sprachschützer zielten auf eine Bevormundung der Bürger, die dann demnächst mit Bußgeldern für unkorrektes Sprechen zu rechnen hätten. -

Weitere Halbwahrheiten oder Unwahrheiten: "Das ist doch eine Jugendsprache, lasst doch den kids ihren Spaß, Englisch ist kürzer und cooler. Wir sind im Zeitalter der Globalisierung, und Englisch ist unausweichlich als global language." Nicht zuletzt wird die Kritik an der Amerikanisierung unserer Sprache als "Nationalismus" denunziert.

Die flachste Stammtisch- (und Talkshow-)Parole aber lautet: "Die Sprache bedarf keines Schutzes oder Schutzgesetzes - sie ist ein lebendiger Organismus, der sich ganz von selbst der unnötigen englischen Modeworte entledigt, so wie früher der französischen, weil sich die Sprache wirklich selbst reguliert" : Eine ebenso bequeme wie unzutreffende "liberale" Rechtfertigung des Nichtstuns! - In Wahrheit ist auch die Überschwemmung der deutschen Sprache durch Gallizismen und ihre Degradierung durch die französische Herrensprache (über 200 Jahre vorherrschend) keineswegs von selbst verschwunden, sondern durch die selbstbewusste deutsche Sprachkunst der Klassiker, aber auch durch die Arbeit von Sprachgesellschaften, - und schließlich durch die Verordnungen sprachbewusster Behördenchefs.

Dass die Amerikanisierung der deutschen Sprache von selbst wieder verschwindet, ist noch viel unwahrscheinlicher. Die Zweckoptimisten (besonders die sprachpolitisch weitgehend inaktive, obwohl staatlich hochalimentierte "Gesellschaft für Deutsche Sprache") weigern sich, die massive ökonomische Macht zur Kenntnis zu nehmen, die (auch) hier im Hintergrund steht. Die Autoren der "Wirtschaftswoche" sehen da genauer hin: "Den globalen Siegeszug verdankt Englisch dem Aufstieg der USA zur Supermacht. Die amerikanische Vorherrschaft in Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik ließ das Commonwealth-Idiom ... zur Weltsprache avancieren - mit weitreichenden Folgen: Rund 85 % der internationalen Organisationen nutzen Englisch als Arbeitssprache, in Europa sogar 99 % ... Darüber hinaus treibt das Internet die Dominanz der Weltsprache voran".

Die CDU/CSU-Fraktion kann das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, in einer Großen Anfrage vom 1. Juni 2001 mit 75 präzisen Fragen Umrisse einer aktiven Sprachpolitik skizziert zu haben. Das Problem der zunehmenden Anglisierung wird in dem Fragenkatalog kritisch aufgegriffen und die Totsagung des Deutschen als Wissenschaftssprache hinterfragt: "Teilt die Bundesregierung die Aussage des Staatsministers für Kultur, das Deutsche sei als Wissenschaftssprache 'tot', und den in diesem Zusammenhang vom Staatsminister geäußerten Rat an angehende Wissenschaftler, auf Englisch zu publizieren? ... Wie beurteilt die Bundesregierung die Zunahme von Anglizismen in der deutschen Umgangssprache? Beabsichtigt sie, im öffentlichen Sektor der Vorschrift ... des Verwaltungsverfahrensgesetzes: 'Die Amtssprache ist Deutsch' Geltung zu verschaffen ...? Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die Auswirkungen der 1994 in Frankreich ... erlassenen Gesetze zum Schutz der Muttersprache vor und wie beurteilt sie diese?"

Während die meist hochdotierten akademischen Sprachvereine nur sehr langsam und unwillig aus ihrem sprachpolitischen Dornröschenschlaf erwachen, hat der (in kurzer Zeit auf 12000 Mitglieder angewachsene) "Verein Deutsche Sprache e.V." (VDS) seit 1997 wesentlich dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit auf die deutsche Sprachmisere und das öffentliche Nichtstun als einen gesellschaftspolitischen und kulturellen Skandal zu lenken. Dazu hat der VDS Informationsveranstaltungen, Ausstellungen, Preisverleihungen an negativ (als "Sprachpanscher des Jahres") und positiv herausragend Tätige (2001: Rolf Hochhuth) organisiert sowie direkte Appelle an verantwortliche Manager und Politiker gerichtet. Die neueste Leistung des VDS besteht in der Ausarbeitung eines ersten Entwurfs für ein deutsches Sprachschutzgesetz. Essentiell ist darin nicht etwa die Etablierung einer "Sprachpolizei", sondern elementare Schutzrechte und Lebenshilfen für die deutsche Sprache. Zu den Kernpunkten gehört die obligatorische Verwendung von Deutsch für Namen von Waren und Dienstleistungen und die obligatorische Verwendung des Deutschen an den Schulen und Hochschulen außer bei Veröffentlichungen für den internationalen Austausch (dort ist wenigstens eine Zusammenfassung in Deutsch erforderlich).

Fritz Vilmar hat - als Mitglied des VDS - über alle diese Probleme viel nachgedacht und im Sommersemester 2001 an der FU sogar ein ausgedehntes Seminar zu diesem Thema veranstaltet. Dieses Seminar wurde allerdings von Vertretern einer studentischen Antifa-Gruppe am Otto-Suhr-Institut als "faschistoid" verdächtigt und durch Tumulte gestört (obwohl ein Faschismus-Verdacht gegen Fritz Vilmar angesichts seiner jahrzehntelangen unermüdlichen Aktivitäten für soziale Gerechtigkeit und Frieden und als langjähriger Vorsitzender des Arbeitskreises Atomwaffenfreies Europa e.V. völlig absurd ist). Da das Abschlussseminar durch die Antifa-Gruppe "gesprengt" werden sollte, wurde es von der FU-Leitung aus Sicherheitsgründen nach Lankwitz verlegt.

Diese Erfahrung führt zu der im Vortragstitel formulierten Frage, ob die Sorge vor den Auswirkungen einer Amerikanisierung der deutschen Sprache eine nationalistische Ideologie ist? - Zur Beantwortung dieser Frage benötigen wir eine Definition von "Nationalismus", der (wie viele andere "ismen" als Dogmatisierung einer ursprünglich berechtigten Idee) natürlich abzulehnen ist. Worin also besteht der Unterschied zwischen "Nationalismus" und einem berechtigten (d.h. gesunden, lebensnotwendigen) Nationalgefühl?

Wir sind Fritz Vilmar dankbar, dass er über diese wichtigen Fragen in unserer Ringvorlesung zum Abschluss dieses Semesters mit uns diskutieren will.


Moderation: Thomas Betz. V. i. S. d. P.: Roland Reich
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 2002-02-12