Wege aus einer kranken Gesellschaft - Sozialpsychologische Überlegungen im Anschluss an Erich Fromm

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Referent:
Prof. Dr. Johannes Heinrichs, Humboldt-Universität Berlin
Ort:
Kristallographie, Takustr. 6, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 2002-11-27 18:15 - 20:00 Uhr

Die in der vorigen Woche in unserer Ringvorlesung von Bernd Senf geforderte Befreiung unseres Geldsystems vom Zins ist für die Sicherung eines dauerhaften Friedens eine notwendige, aber noch nicht hinreichende Bedingung: Eine mindestens ebenso notwendige Bedingung für die Heilung unserer kranken Gesellschaft nämlich liegt weniger im materiell-wirtschaftlichen als viel mehr im sozial-mitmenschlichen Bereich.

Diese Bedingung ist im 20. Jahrhundert besonders überzeugend von dem großen Psychoanalytiker, Sozialwissenschaftler und Philosophen Erich Fromm herausgearbeitet worden. Johannes Heinrichs versteht es eindrucksvoll, uns an seiner ehrlichen Bewunderung für Erich Fromm teilhaben zu lassen, wenn er sagt: "Erich Fromm ist für mich einer der größten und glaubwürdigsten Humanisten des 20. Jahrhunderts".

Im Alter von 26 Jahren brach der Rabbinersohn und Talmud-Schüler Erich Fromm mit dem religiösen Regelwerk und bekannte sich seitdem zu einem nicht-theistischen, aber religiösen Humanismus, worin er zwar einen gesellschaftlichen, aber keinen geistig-religiösen Bruch mit seinen religiösen Ursprüngen und Lehrern sah: "Und doch sind meine Auffassungen aus ihrer Lehre erwachsen ..."

Dass Erich Fromm als ausgesprochen religiöser Denker sich nicht auf eine der traditionellen theistischen Religionen festlegen ließ, "macht seinen Humanismus so interessant und glaubwürdiger als den von vielen Konfessionsvertretern, die sogar die Existenz einer nicht konfessionsgebundenen, philosophischen Spiritualität gern ignorieren wollen."

Bei aller berechtigten Verehrung für Erich Fromm weist Johannes Heinrichs aber darauf hin, dass Fromm von seinem rein sozialpsychologischen Ansatz her nicht den (im vorigen Vortrag diskutierten) "systemischen Zwang des Geldes" zu sehen vermochte, gegen den psychologische Postulate machtlos sind: Der Kapitalismus kann nämlich prinzipiell nicht "gezähmt" oder "zivilisiert" werden (wie Gräfin Dönhoff gefordert hat), solange die Selbstvermehrung durch Zins und Zinseszins nicht angetastet wird.

"Wenn es nach dem heute riesengroßen, aus weltweitem Leid und mehr oder weniger stiller Verzweiflung gespeisten Potential an gutem Willen ginge, hätten wir längst eine humane Wirtschaft und eine Demokratie, die ihren Namen verdient."

Zur Lösung des Problems fordert Johannes Heinrichs eine "konstruktive Revolution", eine "theoretisch-praktische Bündelung unserer großen Veränderungssehnsucht durch konstruktiv-systemische Kritik", also sozusagen eine Integration sowohl der sozial-mitmenschlichen wie der materiell-wirtschaftlichen Vorbedingungen von Frieden in einem realistischen Konzept, das sich über die allgemein-menschlichen Schwächen keine Illusionen macht, aber dennoch die durchaus vorhandenen Potentiale der Mitmenschlichkeit fordert und einsetzt.

Der Vortrag ist in der Zeitschrift für Sozialökonomie 131 (2001) S. 49-62 bereits veröffentlicht worden. Eine Kopie wird an die anwesenden Hörer verteilt. (Leseprobe)


Moderation: Thomas Betz. V. i. S. d. P.: Roland Reich
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 2002-11-29