"Konsensgesellschaft":
Strategische Verschleierung oder vernünftige Austragung von Konflikten?

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

(Streit-)Gespräch zwischen
Dr, Horst Gronke, Philosophie der FU Berlin,
und
Dr. Hans-Jürgen Fischbeck, Evangelische Akademie Mülheim/Ruhr
Ort:
Kristallographie, Takustr. 6, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 2003-01-29 18:15 - 20:00 Uhr

Horst Gronke: Problemstellung. Zwischen einem bloß postulierten Konsens und einem wirklichen, in vernünftiger Argumentation gebildeten Konsens ist ein großer Unterschied: Schon zwischen zwei Personen ist es oft sehr schwierig, einen argumentativen Konsens zu erreichen. Noch schwieriger ist es zwischen einer größeren Anzahl von Personen. - Daher liegt die These nahe: "Es gibt gar keinen gesellschaftlichen argumentativen Konsens. Seine Behauptung verschleiert nur - gewollt oder ungewollt - die weiterhin bestehenden Konflikte." - Sollte dann nicht eine "Konfliktaustragungsgesellschaft" an die Stelle einer "Konsensgesellschaft" treten?

Andererseits kann ein gesellschaftliches Zusammenleben kaum gelingen, wenn es nicht einige Gemeinsamkeiten, ein gewisses Maß an faktischem Konsens gibt, insbesondere gemeinsame Interessen und gemeinsame Wertvorstellungen. Es muss, so scheint es, Interessenkonsense und Wertkonsense geben. Beide werfen unterschiedliche Probleme auf:

Interessenkonsense beruhen auf gemeinsamen Interessen zwischen Handlungspartnern. Sie sind nicht per se "vernünftig" (d.h. argumentativ aus gemeinsamen ethischen Grundsätzen ableitbar) und auch nicht immer mit den Interessen anderer Betroffener vereinbar, die an der Konsensfindung unbeteiligt sind. - Ähnliches gilt für Wertkonsense: Ob Werte durch Argumente gestützt werden und ob sie verallgemeinerbar sind, ist eine offene Frage. Und ist nicht, was als "Konsens" bezeichnet wird, oft nur ein "Kompromiss" oder eine Mehrheitsmeinung?

Wie also sollte Konsens in der Gesellschaft etabliert werden? Durch Küngelrunden? Durch "runde Tische"? Durch die Medien? Durch Debattenveranstaltungen? Durch Expertenräte? - Oder besser darauf verzichten?

Hans-Jürgen Fischbeck: Worüber und wie Konsens-Bildung heute besonders notwendig ist. (Versuch einer Antwort) Die bisherige Demokratie ist nicht zukunftsfähig. Sie hat sich zwar in früherer Zeit bewährt, um Dissense gewaltfrei auszutragen, sie beruht aber auf dem Konsens einer nicht nachhaltig lebenden und wirtschaftenden Gesellschaft. In der heraufziehenden ökologisch-sozialen Krise der Menschheit ist aber die Bildung von einem tragfähigen Konsens nachhaltiger Entwicklung lebensnotwendig. Die real existierende Parteiendemokratie ist dazu offenkundig schon deshalb nicht in der Lage, weil die Opposition aus machtpolitischen Gründen fast zwangsläufig falsch finden muss, was die Regierungskoalition für richtig hält.

Deshalb ist neben den drei klassischen Gewalten des demokratischen Staates - Legislative, Exekutive, Judikative - eine vierte Nicht-Gewalt als gesellschaftliche Konsultative erforderlich, die jenseits der parteipolitischen Machtkonkurrenz den gesellschaftlichen Konsens sucht und dadurch bildet. Dies konnte eine dritte Kammer aus Vertretern gemeinwohl-orientierter Nichtregierungsorganisationen sein, in der advokatorisch auch die Interessen künftiger Generationen und die "Interessen" der nichtmenschlichen Natur vertreten sein müssten.


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